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Leseprobe: Spastik bei Rückenmarkverletzten: Vor- und Nachteile

Entstehung von Spastiken

 

 
Das Rückenmark und das Gehirn steuern die Muskelbewegungen. Dieses Zusammenspiel ermöglicht, dass Muskeln nach Bedarf genutzt werden können. Im Reflex reagieren sie schnell, intensiv und unbewusst gesteuert.
 
Bei Feinarbeiten, wie beispielsweise der Reparatur einer mechanischen Uhr, können sie exakt, willentlich und kontrolliert eingesetzt werden. Um diese unterschiedlichen Muskelaufgaben zu realisieren hat der Mensch ein komplexes System entwickelt, welches eine Rückenmarksverletzung stören kann: Es können Lähmungen entstehen und die Muskeln gehorchen nicht mehr dem Verletzten. 3

 
Die meisten Rückenmarkverletzten haben nach der Schädigung ihres Rückenmarks eine schlaffe Lähmung, die gelähmten Muskeln können nicht mehr angespannt werden.
Nach einiger Zeit kann diese schlaffe Lähmung in einen Zustand übergehen, den plötzliche, unbeeinflussbare Muskelbewegungen kennzeichnen.

 
Plötzlich beobachten Verletzte und Angehörige, dass ein bisher bewegungsloses Körperteil, beispielsweise ein Fuß leicht zuckt, sich heftig streckt oder beugt. Was jetzt oft als hoffnungsvolles Signal für eine glückliche Wendung oder gar Heilung missverstanden wird ist die “spastische Lähmung”, die der schlaffen Lähmung folgt, nachdem im Rückenmark neue, aber nicht sinnvoll funktionierende Verbindungen entstanden sind. 4 5

 
Das bereits erwähnte System zur Steuerung der Muskulatur ist in diesem Zustand schwer geschädigt. Die Beweglichkeit der betroffenen Körperteile durch plötzliche Spastiken kann für den Rückenmarkverletzten unkontrollierbar werden.

 
Der Auslöser eines spastischen Krampfes ist sehr individuell: Temperaturwechsel, Berührungen, Niesen, Infektionen, Erschrecken. Das Erleben und die Auswirkungen der Spastik bringen für jeden Rückenmarkverletzten ganz unterschiedliche und individuelle Vor- und Nachteile.

 
 

Vorteile der Spastik

 

 
Im Gegensatz zum schlaff gelähmten Muskel, der nur passiv bewegt werden kann, bewegen unsteuerbare Muskelkrämpfe durch Strecken oder Beugen die vorhandene Muskulatur. Dieses Muskeltraining hat Vorzüge.

 
Optisch können die Beine eine natürliche Form behalten, was gerade im Sommer, wenn der Verletzte mit kurzer Hose fährt das Selbstwertgefühl aus ästhetischen Gründen steigert.

 
Gleichzeitig wird aber auch der Rückfluss von Blut zum Herzen verbessert. Die Wadenmuskulatur pumpt das Blut nach oben gegen die Schwerkraft zum Herz. Diese Muskelpumpe entlastet das Herz und verringert Wassereinlagerungen in den Beinen. Durch Wassereinlagerung geschwollene Beine bieten neue Verletzungsmöglichkeiten, wie beispielsweise Druckstellen durch Hautkontakt mit dem Schuh.

 
Die Bildung von Blutgerinnseln, die sogar zum Tode führen können, wird durch die reduzierte Beweglichkeit erhöht. Die Beweglichkeit durch die die Spastik kann den Blutfluss beschleunigen und dazu führen, das gefährliche Blutgerinnsel sich seltener bilden. 7

 
Ein weiterer Vorteil der durch die Spastik trainierten Muskulatur ist die Haltefunktion, die sich durch das Training ergeben kann. Oft erleichtert die Beugespastik in den Oberschenkel den Querschnittgelähmten einen aufrechten Sitz im Bett oder Rollstuhl, oder aber auch die Mobilisation im Bett, weil durch den senkrecht zum Körper gerichteteten Oberschenkel Hebelkräfte beim Drehen auf die andere Seite genutzt werden können.

 
Eine Streckspastik der Beine kann beispielsweise, wie ich in meiner Tätigkeit als Krankenpfleger von Patienten lernte, auch Menschen, die eine sehr beschränkte Beweglichkeit haben die selbstständige Mobilisation vom Bett in den Rollstuhl ermöglichen, indem diese sich auf die gestreckten Beine aufstellen und sich vom Bett zum Rollstuhl hinüber drehen.

 
Auch die Lungenfunktion kann die Spastik positiv beeinflussen, besonders dann wenn der Hustenreflex durch die Lähmung reduziert ist und der Betroffene schlecht oder nur mit Unterstützung durch Pflegepersonen abhusten kann.

 
Ein weiterer Vorteil der spastischen Lähmung ergibt sich bei eintretenden Erkrankungen, weil sich hier die Spastik bei vielen Rückenmarkverletzten deutlich erhöht. Als Signalgeber für Infektionen, neu auftretende Verletzungen oder auch Veränderungen in Lage und Position von operativ eingefügten Material (Schrauben, Platten) weist akut auftretende Spastik hin. In anderen Fällen kann sie auch verlässlich auf eine überfüllte Blase oder baldige Darmentleerung hinweisen und den Rückenmarkverletzten vor unliebsamen spontanen Blasen- und Darmentleerungen warnen.

 
Einige der genannten Vorteile sind, das gilt auch für den Bereich Dekubitus, bedeuten allerdings für viele Patienten Nachteile und erhöhen ihren Leidensdruck. Viele Patienten schützt die Mobilität, die sie durch die Spastik gewinnen, oft gegen das Wundliegen. Andere hingegen werden wiederholt über mehrere Jahre hinweg operativ behandelt, weil durch den überhöhten Druck ihrer Spastiken große Druckstellen entstehen.

 
 

Nachteile der Spastik

 

 
Die starke Muskelverkrampfung ist für viele Rückenmarkverletzte Ursache für eine schlechtere Lebensqualität. So kann ein Transfer von oder zum Bett durch plötzliche Bewegungen unmöglich gemacht werden, weil die Beine plötzlich unkontrolliert “losschießen” oder die Mobilisierung im Bett nur noch durch zwei Pflegekräfte möglich ist. Der Rückenmarkverletzte versteift sich so stark, das er regungslos bleibt und seine körperliche Kraft gegen die der Pflegenden wirkt.

 
Auch kann beispielsweise eine Beugespastik der Oberschenkel den Betroffenen die Intimpflege gänzlich versagen, so dass auch hier manchmal zwei Pflegepersonen notwendig werden, bei der einer die Beine auseinanderhält, während die andere Pflegekraft die Intimpflege ausführt.

 
Zusätzlich können, das gilt besonders für stark gebeugte Armbeugen, Kniekehlen und Handflächen, Hautprobleme entstehen, weil hier Hautschichten aufeinander liegen. Zwischen den Hautschichten sammelt sich leicht Feuchtigkeit, die die Haut schädigen kann und die Hautpilzerkranken begünstigt.

 
Desweiteren kann die Spastik die Ausscheidung erschweren, weil beispielsweise starke spastische Krämpfe die Blase plötzlich entleeren oder weil die Einschränkung der Beweglich- und Geschicklichkeit den Katheterismus behindern. Dadurch können sich Hygieneprobleme ergeben, die zu Harnwegsinfekten führen. Diese können bei wiederholtem Auftreten der Grund für schwere Nierenerkrankungen sein.

 
Die Störung der Nachtruhe ist ein oft berichtetes Problem, wenn spastisch Gelähmte durch plötzliche Bewegungen schroff geweckt werden. Oder wenn die Spastik im Oberkörper auf die Lunge oder das Herz drückt und ihre Atmung behindert.

 
Bei anderen Rückenmarkverletzten behindert die Spastik Sexualfunktionen und wird dadurch zu einer weiteren Belastungsprobe für die Partnerschaft.

 
Psychisch beeinträchtigt die Spastik oft das Selbstwertgefühl, das Gefühlsleben und die Stimmung.

 
Darüber hinaus verursacht die Spastik manchmal eine schlechte Körperhaltung. Schmerzen entstehen durch die Umformung von Knochen und Gelenken und die Verkürzung von Bändern, Muskeln und Sehnen. 6

 
Um ihre Lebensqualität oder ihr äußeres Erscheinungsbild zu verbessern beginnen Querschnittgelähmte oft, nach abwägen der Vor- und Nachteile, eine antispastische Therapie.

 



 

Einzelnachweise:

 

 



 
1 : Landeskrankenhaus Hochzirl , Intrathekale Medikamentenanwendung, abgerufen am 29.01.2012, http://neuro-hochzirl.tilak.at/page.cfm?vpath=leistungsspektrum/spastikbehandlung

 
2 :Noth,J./Dietz V. 2002, Spastik, abgerufen am 28.01.2012 http://www.friedehorst.de/nrz/spastik.pdf

 
3 :Pflegewiki, Spastik, abgerufen am 29.01.2012 http://www.pflegewiki.de/wiki/Spastik

 
4 : Wikipedia, Spastik, abgerufen am 29.01.2012 http://de.wikipedia.org/wiki/Spastik

 
5 :Mediuniqua, Querschnittlähmung, abgerufen am 01.02.2012 http://www.meduniqa.at/Medizin/Erkrankungen/Querschnittslaehmung/

 
6 :Zäch, G. A. und Koch, H. G.,2005, Paraplegie: Ganzheitliche Rehabilitation

 
7 :Matbey, www.tetraplegie-online.de, 2007 http://www.tetraplegie-online.de/tetraplegie-online.de.pdf
 

Weblinks:

 



 
Wie Muskeln funktionieren:

 
http://www.sportunterricht.de

 
Dekubitus http://de.wikipedia.org/wiki/Dekubitus

 
Alpha-Motonoeuron http://flexikon.doccheck.com/Alpha-Motoneuron,

 
Muskelschwund, Atrophie: Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser, http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/glex/konzepte/l7845.htm
 

Wichtige Begriffe:

 


Alpha-Motoneuron, Atrophie, Beugespastik, Blasenlähmung, Blutgerinnsel, Darmlähmung, Dekubitus, Druckstelle, Hautpilz, Herzentlastung, Herzinsuffizienz, Inkontinenz, Intertrigor, Kontinenz, Mobilisation, Muskelpumpe, Muskelschwund, Mykose, Ödem, Schwerkraft, Sexualität, Streckspastik, Thrombose, Tonus, Venöser Rückfluss, Wassereinlagerungen, Wundliegen, Wassereinlagerungen/Ödem
 


(c) John-Martin Martin Teuschel. Das Lektorat führte Lale Aksöz.
 

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John – Martin Teuschel (JOMT, Autor, Online – Redakteur, Gesundheitspfleger)
 

Leseprobe: Therapie der Spastik bei Rückenmarkverletzten

Die Therapie der Spastik bei Rückenmarkverletzten ist sehr vielschichtig, denn ihre Auswirkungen sind äußerst unterschiedlich.

Querschnittgelähmte sind anfangs oft spastikfrei. Die vorerst schlaffe Lähmung kann in eine spastische Lähmung übergehen. Diese Spastik kann Vor- und Nachteile bringen, die der Betroffene, im Idealfall gemeinsam mit Ärzten, Therapeuten, Pflegekräften und anderen Betroffenen, ermitteln kann. So kann er beurteilen ob seine Spastik, die zunächst eher ungewohnt ist, vielleicht sogar nützlich sein kann. Oder ob sie eine Ursache für Schmerzen und andere wiederkehrende Folgen, wie beispielsweise Druckgeschwüre, oder zusätzliche Behinderungen ist.

Um die Lebensqualität oder ihr äußeres Erscheinungsbild zu verbessern beginnen Querschnittgelähmte oft die antispastische Therapie. [1] [2] Die Therapie dauert meist lebenslang, weil die Spastik sich nur selten zurück entwickelt. [3]

Die Auflistung der Medikamente und anderer Therapiemöglichkeiten ist keine Anleitung zur Wahl einer Therapie oder gar eines Medikamentes, sondern informiert über Möglichkeiten damit Betroffene Experten in eigener Sache werden. Dies ist notwendig und von den meisten Ärzten sogar erwünscht. Denn nicht jeder Arzt kann über alle Krankheiten detailliert und gut informiert sein die ihm in seiner praktischen Arbeit begegnen.

Die Wahl der richtigen Therapie kann nur der behandelnde Arzt gemeinsam mit dem Betroffenen treffen, weil eine Auswahl ohne ärztliche Kenntnisse die Gesundheit schädigen kann. Dies gilt ganz besonders für Medikamente.

Die antispastische Therapie bekämpft die spastischen Symptome und beseitigt die Vor- und Nachteile der Spastik gleichermaßen, während die Ursache bestehen bleibt.

Die Grundlage für die Therapie sind krankengymnastische Anwendungen. Um der lebenslangen Behandlung gerecht zu werden sollten Betroffene oder ihre Pflegepersonen, abhängig von ihren Fähigkeiten und dem therapeutischem Konzept, befähigt werden Übungen zusätzlich zur therapeutischen Behandlung selbstständig auszuführen. [4]

Krankengymnastik

Krankengymnastische Behandlungskonzepte sind evidenzbasiert. Evidenzbasiert bedeutet, dass die Behandlungserfahrungen nach festgelegten Regeln systematisch gesammelt und geprüft wurden. [6]

Erfahrungsgemäß verbessern physiotherapeutische Heilangebote und sportliche Aktivitäten oft die Spastik. [5]

Das Therapieziel orientiert sich in erster Linie an den beklagten Symptomen und berücksichtigt besonders die Mobilität des Rückenmarkverletzen .

Besteht Immobilität versucht der Behandelnde vorrangig Verkürzungen im Bewegungsapparat zu verhindern, hygienische Probleme zu lösen und Schmerzen zu lindern.

Bei mobilen Menschen sollte die Behandlung hingegen vordergründig Bewegungsfunktionen erhalten oder verschaffen, auch gerade weil Bewegung nach den Erfahrungen vieler Betroffener Spastik verringert.

Vor allem die Therapieformen Vojta, PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation) und Bobath vermögen zu helfen. Je nach individuellen Fähigkeiten und Anforderungen kommen auch, nach individueller Absprache, andere Therapien wie beispielsweise die manuelle Therapie, Reiki, therapeutisches Reiten (Hippotherapie) und eine Schienenanpassung zum Einsatz. [2] [9]

Als Bewegungstherapie für zu Hause haben sich Bewegungstrainer bewährt [10].

Zusätzliche medikamentös Therapieformen

Die medikamentöse Therapie ergänzt die Krankengymnastik bei besonders schwerer Spastizität.

Im Gegensatz zur evidenzbasierten Physiotherapie werden medikamentöse antispastische Therapien in Studien getestet, bei denen die Testpersonen nach Zufallsmechanismen in Gruppen zugeordnet werden und teilweise unwirksame Tabletten (Placebo) verabreicht bekommen. Die Versuchsleiter wissen dabei nicht, ob ihre betreuten Patienten ein wirksames oder unwirksames Medikament erhalten haben (Doppelblindstudie) [7] [8].

Orale antispastische medikamentöse Therapie

Die unterschiedliche Wirksamkeit und die starken Nebenwirkungen von antispastischen Medikamenten führen meistens dazu, dass mehrere Medikamente kombiniert werden. Dadurch können sich ihre Wirkungen im Zusammenspiel verbessern und einige Wirkstoffe besser, meist niedriger, dosiert werden.

Im Gegensatz zu anderen Menschen die unter Spastik leiden gilt für viele Rückenmarkverletzte, dass ihre Immobilität bewegungsmindernde Nebenwirkungen verdeckt. Dadurch profitieren sie deutlich mehr von antispastischen Medikamenten als beispielsweise MS-Erkrankte.

Außer bei Dantrolen (Dantamacrin) und Tolperison (Mydocalm) wirken antispastische Medikamente oft sedierend. Sedierend bedeutet, dass das Bewusstsein gedämpft wird. Man wird also müde und beruhigt, was oft als unangenehm empfunden wird und bei starker Sedierung auch zu Benommenheit führen kann. Gelegentlich, besonders bei Überdosierung, kann dies zu einem tiefen, kaum weckbaren Schlaf führen.
Eine Nebenwirkung von Dantrolen ist die Leberschädigung. Die Möglichkeit dieses schweren Schadens erfordert unbedingt regelmäßige Untersuchungen.

Baclofen (Lioresal) und Tiazandin (Sirdalud) empfiehlt die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) als Mittel der ersten Wahl, denn ihre Nebenwirkungen und die Dämpfung des Bewusstseins sind gering.

Benzodiazepine (Faustan, Valium) dämpfen deutlich mehr, können aber bei Patienten mit Unruhezuständen gut helfen.

Andere Medikamente, die helfen können sind Gabapentin (Neurontin), Tetrazepam (Musaril), Clonazepam (Rivotril), L-Dopa und Cannabis (Dronabinol).

Bei den meisten Menschen ist Cannabis (Dronabinol, Sativex) als Rauschdroge bekannt und gefürchtet, was häufig zur Ablehnung des seit 2011 zugelassenen Medikaments führt. Vielen Rückenmarkverletzten jedoch hilft dieses Medikament, mit seinen Nebenwirkungen die oft erträglicher sind als die anderer Medikamente, gegen die Spastik und einigen anderen Folgeerscheinungen der Rückenmarkverletzung durch Stimmungsaufhellung, Schmerzlinderung und Besserung der Mobilität. [2], [4], [11], [12], [13]

Botulinum-Toxin-Therapie

Das Nervengift Botulinum-Toxin ist vor allem als Botox aus der kosmetischen Chirurgie weitläufig bekannt. Dieses Medikament bewirkt eine Lähmung, die nur den Bereich betrifft, in den das Medikament gespritzt wird und die häufigste Anwendung bei Rückenmarkverletzten ist das Einspritzen (Injektion) in den Blasenmuskel, um unkontrollierte Blasenentleerungen durch Blasenspastik zu vermeiden. Diese Behandlung muss alle 6-12 Monate wiederholt werden. [15]

Intrathekale Infusionstherapie mit Baclofen

Wenn die bisher genannten Mittel versagen, andere Gründe gegen sie sprechen und die Spastik einen sehr grossen Leidensdruck verursacht entscheiden sich manche Rückenmarkverletzte dazu eine Pumpe unter die Bauchdecke operieren zu lassen. Diese verabreicht kontinuierlich eine sehr kleine Menge Baclofen (Lioresal) durch einen Katheter, das ist ein Schlauch mit 0,53 mm Innen-Durchmesser, durch die Wirbelsäule in den Liquorraum und dort in das Hirnwasser (Liquor cerebrospinalis). Das Hirnwasser schützt das Gehirn direkt vor mechanischen Erschütterungen von außen und ermöglicht die Ernährung (Stoffwechsel) der Nervenzellen. Diese Nähe ermöglicht es kleinste Medikamentenmengen direkt am Gehirn wirken zu lassen, anstatt dass das Baclofen (Lioresal) erst durch den Magen und das Blut ins Gehirn gelangen kann. Der Nachteil dieser Technik liegt darin das der direkte Eingriff in Hirnnähe leicht extreme Folgen haben kann, zum Beispiel durch das Aufsteigen der Lähmung oder bis hin zum Todesfall. Beide Folgen sind mir aus meiner Tätigkeit als Krankenpfleger persönlich bekannt, ebenso wie auch positive Änderungen der Spastizität. Deshalb halte ich persönlich die Lioresalpumpe auch für die letzte Wahl, nachdem alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. [15] [16] [17]

Selten angewandte Therapieverfahren

Die Spastik kann Ursache für starke Verkürzungen im Bewegungsapparat sein. Gelegentlich wird noch bei Erwachsenen versucht, diese Verkürzungen durch orthopädisch-chirurgische Eingriffe auszugleichen, weil beispielsweise der Arm den Betroffenen in das eigene Gesicht schlägt. Bei manchen Rückenmarkverletzten passen sich die operierten Bereiche wieder an, was nur eine mittelfristige Besserung der Spastik bringt, während die Operation kurzfristig ein sehr hohe Risiken birgt. Dies kann von der Erhöhung der Spastik durch die Operation, über das Aufsteigen der Lähmungshöhe sogar bis hin zum Tod führen.

Andere Therapieverfahren werden heute wegen zu starker Nebenwirkungen nicht mehr praktiziert. [4]

Hausmittel

Fischöl mit seinen Omega-3 Fettsäuren und Chinin, das Bitterlemon und Tonic Water enthalten, sind nach Erfahrungsberichten auch spastikmindernd. Wobei zum Chinin anzumerken bleibt, dass es einerseits überdosiert giftig und andererseits als Allergieauslöser bekannt ist. [11]

Das schon erwähnte Cannabis wird von vielen Rückenmarkverletzten, auch wegen der schwierigen Verschreibungssituation und trotz des bestehenden Verbotes durch das Betäubungsmittelgesetz, als Naturprodukt geraucht oder in Speisen und Getränken konsumiert. [14]

Quellen

1 : Teuschel, M., Spastik bei Rückenmarkverletzten: Vor -und Nachteile, http://www.blog.berlinerplakate.de/spastik-bei-ruckenmarkverletzten-vor-und-nachteile, abgerufen am 23.02.2012

2 : Zäch, G. A. und Koch, H. G. [Hrsg.] ,Paraplegie: Ganzheitliche Rehabilitation, Physiotherapie- Möglichkeiten der Beeinflussung der Spastik, 2006

3 :P lischek, A., Website, http://www.an-plischie.de/hilfebietet.html, abgerufen am 25.02.2012

4 :4Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-078_S1_Spastisches_Syndrom__Therapie_10-2008_10-2013.pdf, abgerufen am 25.02.2012

5 : Teuschel,M , 2012, Übersicht zum Rollstuhlsport: http://www.blog.berlinerplakate.de/?p=8#more-8 ,abgerufen am 22.02.2012

6 : Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V., Glossar: Evidenzbasierte Medizin, http://www.ebm-netzwerk.de/grundlagen/images/dnebm-glossar-2011.pdf, abgerufen am 25.02.2012

9 : .European Medicines Agency, 2002, Guideline for Good Clinical Practice, http://www.emea.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Scientific_guideline/2009/09/WC500002874.pdf , abgerufen am 10.02.2012

8 : Becker, S., 2006, Inoffizielle Übersetzung der ICH GCP-Leitlinie, Leitlinie zur Guten klinischen Praxis, Übersetzung http://www.mk1dd.de/bereiche/qualitaetsmanagement/klinische-studien/ich-gcp_deutsch.pdf, abgerufen am 02.02.2012

9 : Internationale Vojta Gesellschaft e.V.,Vojta-Therapie, http://www.vojta.com/index.php?option=com_content&view=article&id=44&Itemid=8〈=de, abgerufen am 25.02.2012

10 :D urner, J.,Reduktion der Spastik durch Bewegungstrainer?,2000, http://www.thera-trainer.de/cms/upload/Bilder/Therapie/Studie-Ichenhausen.pdf, abgerufen am 30.01.2012

11 : Speer, M, Medikamentöse Behandlung der Spastik

Wirkungen und Nebenwirkungen http://www.hsp-verein.de/fileadmin/user_upload/behandlung/Beitrag_Speer.pdf, abgerufen am 30.01.2012

12 :Nikolaus, B., Chronische Schmerzen: Cannabis verhindert Schmerz und Spastik, 2002, http://www.aerzteblatt.de/archiv/34138/Chronische-Schmerzen-Cannabis-verhindert-Schmerz-und-Spastik, abgerufen am 15.02.2012

13 : Uhlenbrock, S. und Langebrake, C., Von der Hippie- Droge zum Medikament,2002, http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=titel_21_2002 , abgerufen am 15.02.2012

14 :Müller,H., 2004, Schmerztherapie Deutschland, Verordnungstatus von Dronabinol, http://www.schmerz-therapie-deutschland.de/pages/zeitschrift/z1_04/art_105.html

15 :Ochs, G. A. Die Behandlung der schweren Spastizität: Baclofen intrathecal – Botulinum Toxinum

16 : Doccheck, 2010, http://flexikon.doccheck.com/Liquorraum

17: Doccheck, 2010, http://flexikon.doccheck.com/Liquor_cerebrospinalis


Weblinks & Gedrucktes


Allgemein


Wikipedia, Evidenzbasierte Medizin, http://de.wikipedia.org/wiki/Evidenzbasierte_ Medizin, abgerufen am 30.01.2012

Ulrike Hesselbarth 1995 Querschnittlähmung 2.Auflage

meinePhysiotherapie.de, Kontrakturen, href=”http://meinephysiotherapie.de/page4.php?category=2 , abgerufen am 29.01.2012


Spastik


T. Henze, K. V. Toyk, Der Nervenarzt, Band 75, http://www.dmsg.de/dokumentearchiv/nervenarzt_13_04_2.pdf , abgerufen am 16.02.2012

Betroffene beraten Betroffene,Spastik,abgerufen am 31.01.2012href=”http://betroffene-beraten-betroffene.de/Spastik/FrameSpastik.htm

Wallesch , C, 02.07.2011http://www.uniklinik-freiburg.de/schmerzzentrum/live/veranstaltungen/LeitliniengerechteTherapieSpastik.pdf, abgerufen am 15.02.2011

Medtonic, Spastiktagebuch, http://www.medtronic.de/erkrankungen/spastik/leben/tagebuch/index.htm, abgerufen am 16.02.2012


Krankengymnastik (Physiotherapie)


Ag Manuelle Therapie, Manuelle Therapie, abgerufen am 31.01.2012 http://www.ag-manuelle-therapie.de/manuelle-therapie/manuelle-therapie

Paeth Rolfs, B., Erfahrungen mit dem Bobath-Konzept ,2005

Deutschen Verband für Physiotherapie, PNF, http://www.physio-verband.de/patienteninformationen/methodenkonzepte/pnf.html,,abgerufen am 25.02.2012

Internationale Vojta Gesellschaft.ev, Vojta ,abgerufen am 25.02.2012


Medikamente:


Pharmawiki, Gabapentin (Neurontin),http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Gabapentin, abgerufen am 25.02.2012

Pharmawiki, Tizanidin (Sirdalud), http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Tizanidin , abgerufen am 15.02.2012

psycho-neuro 2007, Neue Therapieoption Tolperison – Spastik – ein unterschätztes Phänome,https://www.thieme-connect.com/ejournals/html/psychoneuro/doi/10.1055/s-2007-1010984 , abgerufen am 15.02.2012 , Quelle Orion-pharma

Pharmawiki,Dantrolen (Dantamacrin), http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=dantamacrin, abgerufen am 25.02.2012

Pharmawiki, Tolperison, http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Tolperison, abgerufen am 15.02.2012

Pharmawiki, Baclofen (Lioresal), http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=baclofen, abgerufen am 15.02.2012

neuro aktuell, 2009-3, Tolperison: Effektive Spastik-Therapie ohne Sedierung, http://www.westermayer-verlag.de/download/news_na_2009_03.pdf


Dronabinol , (Cannabis)


Pharmawiki, Dronabinol (Cannabis), http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Dronabinol
, abgerufen am 25.02.2012

Bättig, I., Cannabis – verkanntes Heilmittel?, 2003, http://www.ch-forschung.ch/index.php?artid=208 , abgerufen am 15.02.2012

Masmeier,B., Kann Cannabis bei Spastik helfen?, http://www.politik-fuer-menschen-mit-handicap.de/Cannabis_bei_Spastik.htm , abgerufen am 15.02.2012

cannabis-med.org, Dronabinol,http://www.cannabis-med.org/german/patients-use.htm, abgerufen am 31.01.2012

Pharmazeutische Zeitung Online, Erstes Cannabis-Präparat in Apotheken verfügbar http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=38447, abgerufen am 29.02.2012,

Botox


Information Intakt, Botox, http://www.intakt.info/215-0-behandlung-mit-botolinumtoxin.html”, abgerufen am 29.01.2012


Spastische Blase:


Rosenapotheke Bamberg, Inkontinenz – Eine Einführung, 2010, http://www.rosen-apotheke-bamberg.apodigital.de/inkontinenz/einfuehrung, abgerufen 25.02.2012

Universitätsklinikum Heidelberg, Mehrere Artikel zur Therapie bei Inkontinenz http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Neurourologie.105279.0.html, abgerufen 25.02.2012


Lioresalpumpe, Baclofen Intrathekal


Medtronic, Werbeinformation, Spastik: Die ITB-Therapie mit einer Baclofen-Pumpe, 2011, http://www.medtronic.de/erkrankungen/spastik/produkt/index.htm ,abgerufen am 25.02.2012


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John – Martin Teuschel
 
(JOMT, Autor, Online – Redakteur, Gesundheitspfleger)
 
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Leseprobe: Die Funktion der Blase

Kenntnisse über die gesunde Blasenfunktion sind eine Voraussetzung um zu verstehen, wie Verletzungen und Krankheit zur Harninkontinenz führen. Das ist der Fachbegriff für das unkontrollierte Wasser lassen.
 

Dafür vereinen sich folgende Funktionen.
 

Bewusste Blasensteuerung

 
Als Ventile zur Urinsammlung dienen in der Blase der innere und äußere Blasenschliessmuskel (Blasenhals und Detrusor).
Letzterer kann bewusst geöffnet und verschlossen werden.
 

Unbewusste Blasensteuerung

 
Vom Hirn unabhängig steuert das sakralspinale Zentrum im unteren Rückenmark den Verschluss des inneren Blasenschliessmuskels und die Spannung der Blasenmuskulatur.
Das sakralspinale Zentrum ist nach seiner Position im unteren Rückenmark, dem Sakralmark benannt und liegt dort in den Segmenten S2-S4 beim Erwachsenen auf Höhe der Brustwirbelkörper BWK 11-12.
 

Die Blase kann gefährlich viel Urin speichern

 

Die Urinmengenmessung unserer Blase ermöglicht uns zu spüren wieviel Zeit wir bis zum nächsten Toilettenbesuch noch haben. Spüren wir das der Harn uns drängt, uns vielleicht sogar Schmerzen bereitet, suchen wir schnell eine Toilette auf. So schützt unser Körper unsere Nieren und weitere Organe vor gefährlichem Urindruck und -rückfluss.
 

Weil es andererseits lebenswichtig in beispielsweise gefährlichen Situationen ist Urin zurückzuhalten, kann die Blase bei Bedarf mehr Urin speichern als gesund für uns ist.
 
Die Auskünfte über die Urinmenge, die die Notwendigkeit des Wasserlassen bestimmen, gelangen von der Blase zum unteren Rückenmark und werden von diesem sakralspinalem Zentrum durch das Rückenmark an das darüberliegende Gehirn gesendet.
 

Wasserlassen, wenn es passt

 

Das Wasserlassen wird, wenn Zeit und Ort zur Blasenentleerung passen, bewusst eingeleitet und kann jederzeit unterbrochen werden.
 
Die Prozesse, die notwendig sind um die Blase zu entleeren, werden vom Gehirn über die Nerven im Rückenmark an das sakralspinale Zentrum und an den äußeren Schliessmuskel weitergeleitet.
 

Der äußere Schliessmuskel öffnet sich und zieht durch ein Zugsystem den inneren Blasenmuskel trichterförmig auf. Dies ermöglicht der mechanische Aufbau der Blase und die vom sakralspinalem Zentrum angeregte Spannungsänderung des inneren Blasenmuskels. [1][2][3][4][5][6][7][8]
 

Harnkontinenz

 

Beim gesunden Menschen ermöglicht dieser Mechanismus; an dem das Rückenmark, das Gehirn und die Ausscheidungsorgane beteiligt sind; kontrolliertes Wasserlassen, die sogenannte Harnkontinenz.
 

Harninkontinenz

 

Ist eine der an diesem komplizierten System beteiligten Körperregionen gestört führt das zur Harninkontinenz oder zum Harnverhalt, dem gefährlichen Ausbleiben der Blasenentleerung.

 



 

Quellen:

 
[1] Zäch, G. A. und Koch, H. G. [Hrsg.] ,Paraplegie: Ganzheitliche Rehabilitation, Urologie, Die neuropathische Blase 2006
[2] Wikipedia, Harnverhalt, https://de.wikipedia.org/wiki/Harnverhaltung, aberfen am 18.03.2012
[3] Wikipedia, Harnblase, https://de.wikipedia.org/wiki/Harnblase
[4] MediZinfo, Arzneimittelklassen, Sympathomimetika, http://www.medizinfo.de/arzneimittel/arzneimittelklassen/sympathomimetika.shtml, abgerufen am 18.03.2012
[5] Nea Urorology, Urodynamik, http://www.uronea.de/taetigkeitsgebiete/harnverlust/ , abgerufen am 19.03.2012
[6] Internationale Stiftung für Forschung in Paraplegie, Die Funktion des Rückenmarks, http://www.irp-zh.ch/index.php?id=322, abgerufen am 19.03.2012
[7]Handbuch der topographischen Anatomie, Band 2,Joseph Hyrtl,1871, Mechanik der Harnextraction
[8] Urologie, Richard Hautmann, 2010

 

Siehe auch:

 

[1] Abbildung und Beschreibung des Becken des Mannes:
American Medical Systems, Das Becken des Manns,
http://www.americanmedicalsystems.de/gesundheit-fuer-den-mann/das-becken-des-mannes.html, abgerufen am 19.03.2012
[2] Abbildung und Beschreibung des Becken der Frau: American Medical Systems, Das Becken der Frau, http://www.americanmedicalsystems.de/gesundheit-fuer-die-frau/das-becken-der-frau.html, abgerufen am 19.03.2012
[3] Abbildung des Rückenmarks in der Wirbelsäule liegend, http://www.irp-zh.ch/typo3temp/pics/6609efe1bf.jpg, abgerufen am 19.03.2012

 

Wichtige Begriffe:

 

Miktion, Blasenfunktion, Harndrang, Blasenfüllung, Blasenentleerung, Schutzmechanismus, Urin, Harnverhalt, Fluchtreflex, Sympathikus, Parasympathikus, Sakralmark, Rückenmark, subkortikal, Kontinenz,Inkontinenz,Wasserlassen, sakralspinal, Zentrum, Detrusor

 

(c) John-Martin Teuschel. Das Lektorat führten Sergej Kamensky und Lale Akszös.

 
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John – Martin Teuschel

 

(JOMT, Autor, Online – Redakteur, Gesundheitspfleger)

 

 

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